Aufstand ins Schlaraffenland – Ein Sonntagsausflug

19. Januar 2009

Ein Konzerterlebnis mit Deichkind

Kein Gott – kein Staat – lieber was zu Saufen“ hallt es durch die Nacht im Kölner Stadtteil Mühlheim. 3000 Fans der Tanzkapelle namens Deichkind stören die sonntägliche Ruhe und machen ihrem Ärger über die herrschenden Zustände Luft. Dies ist keine Demonstration gegen Polizeigewalt oder für Frieden im Gazastreifen.

Bild: Stinker@flickr.com

Bild: Stinker@flickr.com

Bier ist alle. Der Mob giert nach lauten Technobeats und maximalem Promillegehalt, nicht nach Weltfrieden. Um ihrem Verlangen nach zu kommen, strömen sie nach der Show ins verwaiste Szeneviertel Kölns.

Leider geht da nicht viel, wie gesagt, es ist Sonntag.

Jedoch ist die Meute aufgeputscht von einer ekstatischer Show und einige finden auch den letzten Laden, der noch halbnackten Wahnsinnigen einen Platz zum Tanzen bietet.

Die Show im ausverkauften Kölner Palladium war beeindruckend und die Fans konnten den drögen Alltag vergessen und ihrer Tanzwut freien Lauf lassen. Zwei Stunden spielten die Deichgören vornehmlich Hits ihrer letzten zwei Platten „Aufstand im Schlaraffenland“, „Arbeit Nervt“, wobei einige wenige Songs aus der Hip Hop-Phase („Bon Voyage“, „Limit“ und „Reimemonster“ von Ferris) auch die alten Fans besänftigte. Gerade die alten Hits zum Höhepunkt des Konzerts ließen die Halle bis zur letzten Reihe bouncen und springen.

Umringt von 4 Tänzern in neonfarbenen Müllsäcken zelebrieren sie ihren Aufstand im Schlaraffenland. Sie machen keinen Hehl daraus, dass ihre Musik aus der Konserve kommt. Es gibt keine Liveband, kein DJ, der pseudo-mäßig Platten scratcht.

Bild: Stinker @ flickr.com

Bild: Stinker @ flickr.com

Deichkind live zu erleben ist ein Event, kein Konzert. Die Performance sind drei durchgeknallte Rapper, die auch mal mit Bungeeseilen an der Decke hängen und ihre wild gewordenen Akrobaten auf Hüpfburgen, welche wie Flummies über die Bühne springen.

Große elektronische Acts wie Chemical Brothers oder Daft Punk nutzen riesige Videoleinwände um ihr „Konzert“ zu beleben.Bei Deichkind ist der flippige Wahnsinn die Show, ohne übertriebene High Tech Special Effects.

Ein Höhepunkt: Die Zitze (Zitze, die | le zitz): Bei dem Lied „Signale“ („hört ihr die Saufsignale?“) werden lange Schläuche ins Publikum gereicht, mit denen man aus einem großen Bottich Wodka trinken kann.

„Kommt zitzt euch!!!“.

Gelegentlich trieb ein Schlauchboot durch die Menge, von dem Getränke verteilt werden oder einfach nur eingeheizt wird.

Unvergessen jedoch bleibt die Bierdusche auf dem Dortmunder „Juicy Beats-Festival“ 2007, wo zum 10.Bandjubiläum 1000 geschüttelte Bierdosen ins Publikum gereicht und diese zeitgleich um 0 Uhr gezündet wurden.

Bild: Stinker @ flickr.com

Bild: Stinker @ flickr.com

Auf der Bühne prangt auf den zwei übergroßen Trampolins in Neon-Farben „DK“, einst das Logo der amerikanischen Punk-Band „Dead Kennedies“, heute die Abkürzung einer neuen Definition von Punk und Rebellion: „Deich Kind“. Sie bedienen sich an allerlei Klischees bekannter (Sub-)Kulturen und schmieden ihr eigenes nihilistisches Gaga-Programm.

Im Publikum und auf der Bühne sieht man erwachsene Menschen, in Müllsäcken gekleidet, die Pyramidenhüte tragen und eine „Yippie Yippie Yeah“-Fahne schwenken. Das mag auf den Außenstehenden albern wirken bzw. auf Drogenkonsum schließen. Aber es ist nur der Ausdruck von uns Hedonisten, die auch in Krisenzeiten auf der Suche nach der perfekten Party sind.

Eine Jugendbewegung, die sich nicht durch politische Dogmen definiert, sondern ihre Vergnügungssucht als letzten Ausweg aus dem Schweinesystem sieht. Auferstanden aus mittelständischen

Vorstadtruinen der Eltern, gibt man „ein Hoch auf die internationale Getränkequalität“, anstatt soziale Missstände aufzuzeigen. Verdrossen und müde von altbackenen Politikgesülz hält der grellgrün geschminkte Clown den verbissenen Straßenkämpfern den Spiegel vors Gesicht.

Langweilern und Spießern wird im 4/4-Takt der blanke Arsch gezeigt. Das trifft genauen Nerv von Leuten wie uns, die eigentlich schon erwachsen sein sollten. Vergnügungssucht, die dem Lustprinzip folgt, weit ab von Hartz IV, Universität oder Stress mit Mutti. Die hochprozentig ironischen Texte über das Leben eines arbeitsscheuen Hallodris sind eine kalte Bierdusche für jeden, der sich und andere zu ernst nimmt.

Einfach nur ein derber Abend, ich hab nach zwei Tagen immer noch Muskelkater und Ohrenflimmern.

Danke an den inneren und äußeren Zirkel!

Alle Bilder wurden aus dem Photoalbum des Flickr-Users “Stinker” entnommen. Danke.

http://www.flickr.com/photos/stinka/


Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben