Ein Samstagsspaziergang durch Borbeck
Gastbeitrag 5. Mai 2009
Ein befreundeter Frintroper hat sich im Laufe dieses Frühjahrs ins schöne Borbeck verirrt. Wie er es erlebt hat erzählt uns Christian am besten selbst:
Vor etwa zwei Wochen oder vier, tut aber auch nix zur Sache, haben meine bessere Hälfte und Ich uns mal wieder nach langer Zeit auf den Weg ins benachbarte Borbeck gemacht. Zum besseren Verständnis der Mitleser hier muss ich betonen, dass wir aus dem schönen, höchstwahrscheinlich sogar DEM schönsten Stadtteil, Frintrop kommen. Ich hoffe ich bin nicht der Einzige der so Situationen kennt, in denen man sich die absurdesten Dinge vornimmt. Einmal zum Beispiel vor ein paar Jahren, kam ich an einem bierseligen Abend auf die glorreiche Idee nach Castrop Rauxel zu fahren, um dort auf einem x-beliebigen Acker Völkerball zu spielen, was auch sofort bei der damals anwesenden Biergruppe auf Gegenliebe stieß und sofort ausgeführt wurde.
Dann gabs die Zeit, in der wir aus Jux und Dollerei so lange hinter einem einzigen Auto hinterher gefahren sind, bis die betroffenen Fahrer dachten, wir hätten uns zum Spritsparen an deren Anhängerkupplung gehängt. Jugendspäße eben.
Naja zurück zum Thema. An diesem Samstag hatten Ich und meine Partnerin (für die Emanzipierten oder Knigge – Geschädigten: meine Partnerin und Ich) auf jeden Fall die absurde Idee, einen gediegenen Spaziergang, also so richtig mit Eis kaufen und Händchen halten, durch Borbeck zu begehen. Jetzt mag sich der Eine oder Andere wahrscheinlich denken: warum ist das so absurd? Naja, nach diesem Spaziergang war uns beiden relativ schnell klar, dass die Borbecker Zeiten in denen beim Glockenspiel spielende Kinder auf dem alten Markt zum Erscheinungsbild dieses Stadtteils gehörten, wohl eher in die Schublade Vergangenheit einzuordnen sind. Was wir dort sahen war erschreckend, oder um beim obigen Wortlaut zu bleiben: absurd. Neben einigen Schnapsleichen, die sich wohl mittlerweilen vom Fahrradständer am Borbeck Bhf Richtung Borbecker Innenstadt bewegt haben, sah man größtenteils nur neonfarbene Fassadenwerbung, die in die 1000fach angesiedelten Billiggeschäfte locken sollte. Die Leute haben kein Geld mehr und ein Erscheinungsbild eines ganzen Stadtteils leidet darunter. Das ist natürlich nicht nur in Borbeck so, fällt aber hier irgendwie ganz besonders auf. Sogar der große Borbecker Riese (Hertie) hat seinen Stadtteil verlassen, aber seinen schäbigen grauen Anorak vergessen.Also was solls: ab in die 1 €- Geschäfte. Doch nach nur zwei Minuten war uns klar, dass wir weder Fliegenklatschen, Plastikmesser oder künstliche Pflanzen brauchen.
Die ganzen negativen Befürchtungen, die wir uns bezüglich Erscheinungsbild und Bevölkerung, nach der Serie “Wir in Essen Borbeck” auf RTL II ausmalten, haben sich erfüllt. Nur die beiden Proletentypen, die die Bowlingbahn bauten und immer im Eiscafe am Germaniaplatz abhingen (in der Serie), haben wir zum Glück nicht gesehen. Aber ein Knaller kommt noch: die Borbecker Bevölkerung scheint sich dem häuslichen Ambiente angepasst zu haben. Überall wo man hinguckte sah man Jugendliche, die scheinbar ihre Frisuren bei gewissen Tierarten abgeguckt haben. Auch deren Verhalten ließ des öfteren einen Vergleich zu manchem Primaten zu. Das Topic setzte für uns noch die laute Handymusik, die aus fast jedem Mobiltelefon wummste. Selbst die war irgendwie von der Stange. Ein Trostpflaster gab es jedenfalls: das Eis, das war klasse. Zum Glück saßen beim Eis kaufen nicht die oben erwähnten Typen im Eiscafe, sonst hätte wohl selbst das nicht mehr geschmeckt, wie eben dieser ganze Nachmittag.
Oh Borbeck, oh einzigartiges Borbeck, warum bist du so normal geworden? Und was sagt uns die ganze Geschichte? Ich gehe lieber in Castrop – Rauxel Völkerball spielen, dass ist irgendwie aufregender und nicht ganz so absurd als zu beobachten, wie sich ein ganzer Stadtteil den man liebt so schrecklich normal und billig wird.
Könnt ihr diesen Eindruck teilen oder ist es doch noch nicht ganz so schlimm um die Heimat bestellt?
- Stadtgeflüster
- 1 Kommentar
Oh, wie traurig wahr dieser Bericht doch ist. Aber ich hab es schon vor 2-3 Jahren gesagt und vor gewarnt, vor dieser negativen Spirale. MEIN Borbeck, das ich immer noch als meine 30jährige Heimat sehe, ist ein Mauerblümchen an einer häßlichen Straße geworden.