Fear And Loathing in Rüttenscheid
Gregor 16. Juni 2009

René Pascal
Was bewegt zwei Mittzwanziger im Saft des Lebens sein gewohntes Territorium des bodenständigen Borbecks zu verlassen, um das schicke Rüttentütten zu besuchen?
Ganz einfach. Seit zwei Wochen gibts kein Fußball mehr im Stadion oder TV, wo soll man sich denn dann gepflegt volllaufen lassen? Also treiben sich die Vergnügungssüchtigen im Namen des zynischen Alkoholismus auf Stadtfesten herum.
Einmal im Jahr werden die in Rüttentütten kreuz und quer parkenden SLKs rechtzeitig abgeschleppt, um proletarischen Bratwurst- und Bierständen Platz zu machen. Mein Vater warnte mich noch vor: “Ist doch jedes Jahr das Gleiche. Du stehst an einem Bierstand, trinkst zwei Bier, hörst dir schlechte Musik von einer Dire Straits-Coverband an. Dann gehst du 20 Meter, stellst dich an den nächsten Bierstand, trinkst zwei Bier und hörst schlechte Musik. Also torkelst du weiter zum nächsten Bierstand.” Waren diese Worte mahnend an mich gerichtet, bewirkten sie das Gegenteil. Meine innere Stimme schrie nur: “Geil! Verdammt gute Idee!”
Doch es sollte anders kommen. Zumindest was die schlechte Musik anbetrifft.
Pünktlich um 17 Uhr versammelte sich die aufgeschlossene Schlagergemeinde an der Annastraße, um auf der fulminanten “Ruhrschnellweg-Bühne” (Maßstabsgetreu der Augsburger Puppenkiste nachempfunden) den Stargast des Abends zu sehen: René Pascal – der Schlagergott aus dem Kohlenpott.
Schnell wurden die Geschmacksnerven noch mit zwei, drei Sturzbier und einem Rum-lastigen Caipirinha betäubt, da kam der Meister auch schon auf die Bühne. Sofort flogen kiloweise Rosen, geworfen von attraktiven fünfzigjährigen Coiffeusen auf unseren Meister. Er selber hatte sich wohl mit dem einen oder anderen Nordhäuser Doppelkorn das Goldkehlchen geölt und war in bester Stimmung. Sodass er es sich nicht nehmen ließ, nach 5 Songs und dem Medley (das aus diesen 5 Songs bestand) noch mal zwei von den fünf Liedern als Zugaben-Medley zu singen.
Durch meine regelmäßigen Besuche (2x!) in seiner Kneipe “Drehscheibe” war ich schon sehr textsicher, aber auch Philipp, der unseren Schlagergott heute zum ersten Mal sah, war schon bald in der Lage mitzusingen. Was kann es Schöneres geben, als Arm in Arm bei 25 Grad im Schatten seinen ersten Schwips des Tages mit fröhlichem Gesang zu verbringen?
“Ich krieg nicht genug von schönen Frauen, wenn sie mir tief in die Augen schau’n“
Es ist Zeit, den heimlichen Lokalmatador der Essener Musikszene zu huldigen. Eine rundum ehrliche und mitreißende Show für Jung und Alt. Wer meint, die U30-Fraktion in den hinteren Reihen lacht ihn aus, liegt falsch: Sie lachen alle mit ihm!
Getrieben von soviel guter Laune schlenderten wir weiter zur Electro-Stage am Hotel Arosa, wo sich Ibiza-Pauschaltouristen mit Puk-die-Stubenfliege-Sonnenbrillen (dieses Jahr übrigens total out, sagt Cindy) die Seele aus dem Leib spackten. Mir war noch nicht nach Tanzen zumute, aber die Reagenzgläser mit dem braunen Hörnertee wirkten Wunder.
Zwei bis vier Bierstände (+ Currywurstpommesmajo) später schlugen wir auf der “Under the Bridge”-Party ein. Von der Idee her wirklich nicht schlecht, denn jetzt war uns allen klar, wo wir unsere Crystal Meth-Bestände wieder auffüllen konnten. Hier waren sich die wenigsten zu schade, ihre tellergroßen Pupillen mit Sonnenbrillen zu verdecken. Kay Shanghai legte auf, aber das Publikum war uns zu schnell unterwegs. Zudem gab es Bier in Sinalco-Plastikbechern mit einem Schaumanteil von 2/3. Kindergeburtstag war gestern. Anscheinend waren wir die einzigen, die sich noch mit Alkohol berauschten. Wie rückständig!
Um 22 Uhr waren Kai und ich schon in Absackerlaune, die sich aber noch 3 Stunden hinzog. Nachdem auch die letzte Bühne den Strom abstellen musste, zog es uns reflexartig in die gemütlichste Kneipe des Essener Südens.
Die Drehscheibe.
Unser Schlagergott René Pascal stand selig hinter’m Tresen und zapfte fleißig Pils und verteilte Korn an die anwesenden Gäste. Zu unserem Vergnügen hörten wir seit Stunden mal wieder ehrlichen Discofox für Schwiegermütter. Seien wir doch mal ehrlich. Wer braucht diese seelenlose Plastikmusik von unerreichten Popstars, wenn wir unser Idol zum Anfassen an der Theke stehen haben? Man muss ihn nur mit ein paar Runden Kurze für die Tresengäste überzeugen, schon schnappt er sich das Mikrofon und singt seinen Gästen einen seiner unvergessenen Hits. So zum Beispiel “Teufel Luise”:
Im weiteren Verlauf des Abends wurden fleißig die Hüften geschwungen, neue Freundschaften geschlossen und eine hier nicht zu erwähnende Person könnte auch heute noch in der S-Bahn schlafen, weil sie die Haltestelle verpennt.
Der geplante Besuch des wichtigen U19-Spiels unserer Roten um 11 Uhr morgens war aus technischen Gründen nicht möglich.
- Feierei , Musik , Stadtgeflüster
- 1 Kommentar
Lieber Gregor,
Es sind die Erfahrungen solcher Tage, die uns prägen und das Leben erst lebenswert machen.
Ich unterstützte es, nein ich bewundere es, wenn die klassischen Feste im guten alten Essen auch von der Jugend noch so celebriert werden, wie es der Tradition entspricht. Nur auf diese Weise kann der alte Geist auf die Essener Stadtteilefest zurückkehren.
Es sind die rücksichtslosen Anhänger dieser veralteten Musikform, die jegliche Volksfesttradition mit Füssen treten. Im Volksmund definiert sich diese antiquierte Form der Geräuschbelästigung wie folgt:
Techno, auch Elektroscheiße genannt, ist eine konventionelle Methode “Musik”-Erzeugung aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Techno wurde in der DDR während des Kalten Kriegs zur Störung des westlichen Funkverkehrs entwickelt. Allerdings ist Techno eine Musik, die zu 99% mit einem Toaster nachgeahmt werden kann, was dazu führt, dass die meisten Raver Drogen brauchen um diese Einseitigkeit zu überstehen. Es kommt nicht selten vor, dass sich ein Raver aus einem Hochhaus stürtzt, daher auch der Name Raver(Raven: eng. für Rabe). (Quelle: stupedia)
Das erklärt auch das insektaritge Verhalten dieser Trommelfell gerstörten Großstädter.
Ich registiere es mit Freuden, dass ihr an den alten Werten unserer Väter festhaltet und die Tradition in euch weiterlebt. Denn es geht doch nichts über eine Currywurstpommesmayo mit einem schönen Herrengedeck!
Jungs ich bin stolz auf euch
In diesem Sinne, weiter so